• Andrea Hohmann

Ja zum Nein

Aktualisiert: 20. Aug 2019

Nur vier Buchstaben, und doch für viele Menschen so schwer auszusprechen.

Viele von uns ertappen sich immer wieder dabei, wie sie „JA“ zu etwas sagen, wo sie doch wissen, dass sie sich gerade selber überfordern. Sie dem Wunsch gar nicht nachkommen können, wollen oder überhaupt keine Zeit dafür haben.

Für viele ist ein kurzfristiges „JA“ oftmals die einfachere und harmonischere Lösung. Es benötigt keine Erklärung und löst gegebenfalls keine Konflikte aus. Einem anderen Menschen ein „NEIN“ zu geben bedeutet für viele Menschen Stress. Sie fühlen sich als Egoisten, nur an sich denkend und dadurch nicht dazugehörig und ungeliebt.

Obwohl sie wissen, dass auf lange Sicht ein „JA“ zu den Wünschen und Bitten der Anderen und damit ein „NEIN“ gegen sich selbst und den eigenen Bedürfnissen, belastend und für die seelische und körperliche Gesundheit nicht förderlich ist.

Warum ist es so schwer, sich abzugrenzen?

Warum fällt es vielen so schwer den eigenen Bedürfnissen einen Raum zu geben?

Zum einen ist unsere Biografie dafür verantwortlich. Und zum anderen kann es unser Naturell sein, welches uns zu großzügigen Menschen macht. Anhand der eigenen Gesichtsstruktur kann jeder bei sich erkennen, ob er ein großzügiger Mensch ist oder nicht. Je voller die Unterlippe, desto mehr gibt dieser Mensch an Zeit, Gefühlen und materiellen Werten.  Doch das sollte keine Ausrede sein, nicht auch an die eigenen Bedürfnisse zu denken.

Die Fähigkeit eigene Grenzen zu erkennen und sich abzugrenzen liegt in unserer Geschichte.

Häufig ist ein geringes Selbstwertgefühl die Ursache für die Angst, nicht gemocht zu werden, Angst, nicht dazu zu gehören, Angst vor einer Kündigung, Angst vor Zurückweisung, Angst als egoistisch zu gelten, Angst ….

Die Angst spielt bei unseren Entscheidungen Zwischen einem „JA“ und einem „NEIN“ eine große Rolle. Und so unterschiedlich die Gründe auch sein mögen, die Konsequenzen sind die gleichen. Die Psyche wird auf Dauer stark belastet, das Ignorieren der eigenen Bedürfnisse führt zu Überforderung und chronischer Unzufriedenheit, die in den schlimmsten Fällen zu Depressionen und Burnout enden kann.

Wer als Kind gelernt hat, dass er sich abgrenzen darf, dass er als Kind auch „Nein“ sagen durfte, dass seine Gefühle respektiert und gewürdigt wurden, der kann auch als Erwachsener gut für sich sorgen. Dann sind wir in der Lage uns abzugrenzen.  „JA“ zu uns zu sagen und einen Raum zu schaffen, in dem wir uns seelisch, körperlich und psychisch erholen können.

Ein Umfeld, in dem die kindlichen Grenzen überschritten wurden, in dem wir ständig genötigt wurden uns nach den Erwartungen der Erwachsenen zu verhalten, prägt Unsicherheit und Selbstzweifel. Jedes Kind empfindet Wünsche und Bedürfnisse, hat eigenen Ideen für das Leben. Ein Kind entwickelt ein Gefühl für sich, wenn es sich selbst ausprobieren kann, sich entfalten und gestalten darf. Nicht immer passen die Vorstellungen, Bedürfnisse und Ideen zu den Erwartungen der Erwachsenen.

Und genau solche stärkenden Lernerfahrungen prägen unser Selbstwert, sind entscheidend für unsere Persönlichkeitsentwicklung und soziale Kompetenz.

Schon kleine Kinder benötigen einen eigenen, sicheren Raum für ihre wichtigen Dinge. Und damit sind nicht nur die Spielsachen gemeint, sondern auch Meinungen, Ideen und Gefühle. Lernt das Kind, dass dieser Raum respektiert wird, dass es eine eigene Meinung und eigene Ideen haben darf wird es auch lernen andere Meinungen, Ideen und Räume zu respektieren lernen.

Mit seinen Energien und Reserven haushalten, Grenzen setzen und „NEIN“ sagen können, ist eine soziale Kompetenz und hat nichts mit Egoismus zu tun.

Wie lernt man „NEIN“ zu sagen?

Schritt für Schritt, denn gut gemeinte Ratschläge helfen da wenig. Ein Verhalten, welches sich über einen langen Zeitraum eingeschlichen hat, ist nicht einfach per Knopfdruck zu ändern. Die gute Nachricht ist, dass wir das „Nein-Sagen“ auch lernen können.

Ein Schritt ist die Vorbereitung. Bevor wir mit dem „Nein-Sagen anfangen, ist es wichtig zu wissen, wozu wir „JA“ sagen wollen.

Was ist mir wichtig?

Wozu will ich ausreichend Zeit haben?

Wie möchte ich meine Energie verteilen?

Wieviel Ruhe brauche ich?

Solche und ähnliche Fragen helfen herauszufinden, was wichtig ist. Termine mit sich selbst gehören ebenfalls in den Kalender eingetragen. Das erhöht die Wertigkeit der eigenen Bedürfnisse.

Ein weiterer Schritt ist das Bewusstwerden, wann oder bei wem wir nicht Nein sagen können. Gibt es Wiederholungen? Fällt es uns bei bestimmten Personen besonders schwer „nein“ zu sagen, ist es hilfreich erst in „leichteren“ Situationen zu üben.

Der Schritt zum einfachen „NEIN“ ist für viele wahrscheinlich der schwierigste. Häufig folgen ellenlange Erklärungen auf das ausgesprochene „NEIN“. Und genau diese Erklärungen machen uns unglaubwürdig. Hier hilft es üben, üben, üben ….

Und dabei lernen das schlechte Gewissen auszuhalten. Der Frust oder Ärger des anderen gepaart mit unserer Unsicherheit führt häufig zu einem schlechten Gewissen. Doch mit jedem „NEIN“ lernen wir, dass sich das schlechte Gewissen aushalten lässt und der Frust des anderen schneller vorbei geht, als gedacht. Häufig vergessen wir, dass wir dem anderen auch den Ärger über die Absage gestatten können, wir sind für das Gefühl des anderen nicht verantwortlich.

Stattdessen ist es gut, sich die positiven Effekte noch einmal anzuschauen um auch wirklich standhaft zu bleiben, zu der Entscheidung zu stehen, sich nicht überreden zu lassen.

Sag „JA“ zu einem ehrlichen „Nein“

Viel Freude und wunderbare Erfahrungen beim Üben.

Judith Menne und Andrea Hohmann

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